Climate Change

Kapitel 1

Das Thema und die Zusammenhänge sind komplex. Möchte man sich informieren, tauchen immer wieder neue Schlagwörter und wenig bekannte Begriffe auf. Zudem gibt es auch neue Entwicklungen, nicht nur als Reaktion auf den öffentlichen und politischen Druck.
An dieser Stelle zeigen wir, welche Möglichkeiten wir in unserem Fachbereich kennen und anhand positiver Beispiele, dass sie sich nutzen lassen.

– Den Anfang nennen wir Kapitel 1.

Schaffen wir den klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050?

Was können wir gegen den Klimawandel tun? Im Gebäudebereich klimaneutral planen und bauen. In unserem Jubiläumsjahr 2012 stellten wir uns bereits die Frage: Ist ein klimaneutraler Gebäudebestand bis 2050 möglich? Wir wissen, wenn es darum geht, den Klimawandel auf +1,5 Grad einzudämmen, gibt es dazu keine Alternative.
Die aktuellen Zahlen zeigen noch immer, dass circa 40% des CO2 Ausstoßes durch den Bausektor verursacht wird. Das beinhaltet nicht nur den Gebäudebetrieb einschließlich dessen, für was die Bewohner verantwortlich sind, also durch Heizen, Kochen, Waschen etc., sondern auch die Emissionen, die bei Produktion und Transport der Baumaterialien und Ausstattung der Gebäude anfallen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, Bilanzen für Gebäude zu erstellen: Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Systemgrenze. Der Bauherr ist gefordert, er muss genau überlegen, wie ambitioniert er das Ziel einer „CO2 Neutralität“ anstreben soll. Möchte er erreichen, dass das Gebäude CO2-frei arbeitet oder zusätzlich schon das Erbauen keinen klimaschädigenden Einfluss erzeugt? Sollen die CO2-Emssionen für die Mobilität der Bewohner oder Mitarbeiter in der Bilanz berücksichtigt werden? Möchte er darüber hinausgehen und zugleich etwas der globalen Erwärmung entgegensetzen: Durch Energieexport in das Strom-, Gas-, Fernwärme- oder Fernkältenetz oder Bindung von CO2 in Baumaterialien zusätzlich CO2 einsparen, also klimapositiv werden?

Ist neutral nicht neutral?
Neutral im physikalischen Sinne bedeutet weder positiv noch negativ, wobei stets eine räumliche und zeitliche Bilanzierung zu Grunde liegt. Übertragen auf das Bauen ist die räumliche Bilanzgrenze typischerweise die Grundstücksgrenze und es werden Energieströme oder damit verbundene bzw. vermiedene Emissionen über ein Jahr bilanziert. Es ist daher nicht erforderlich, dass eine Bilanz zu jedem Zeitpunkt ausgeglichen ist. Es ist völlig ausreichend, den Energieverbrauch oder die Emissionen im Zeitraum 1 durch Gutschriften im Zeitraum 2 auszugleichen. Aber darin besteht auch gleichzeitig ein Problem: Gutschriften entstehen dadurch, dass regenerative Energie über die Grundstücksgrenze nach außen in ein vorhandenes Energienetz exportiert wird und an anderer Stelle die „externe“ Erzeugung der gleichen Endenergiemenge vermeidet, die derzeit noch mir konventionellen Primärenergieträgern und hohen CO2-Emissionen verbunden ist. Es entsteht also keine Gutschrift mehr, wenn die externe Erzeugung der sekundären Energieträger (Endenergieträger) Strom, Gas, Fernwärme oder Fernkälte ebenfalls 100 % erneuerbar ist. Aber selbst wenn das spätestens 2050 der Fall ist, bleibt immer noch folgende Herausforderung: Wohin mit all den exportierten Überschüssen der einzelnen Grundstücke, wenn sie zeitgleich auftreten.
Daher erscheint es sinnvoll, die Energienetze nicht als „idealen Energiespeicher“ bei der Bilanzierung beliebig zu missbrauchen, sondern die lokale Energieautarkie eines Grundstücks zu maximieren. Klar: Auf dem Land mit relativ flacher Bebauung ist das einfach möglich, in existierenden Städten mit mehrgeschossigen Gebäuden und gegenseitiger Verschattung äußerst ambitioniert. Daher erscheint es sinnvoll, in jedem Einzelfall den Energiebedarf zu minimieren und das lokale Potenzial der regenerativen Energieerzeugung bestmöglich auszuschöpfen, um in der Summe neutral werden zu können.

Prima Klima? Zur Klärung des Begriffs „klimapositiv“

Handlungen und Prozesse, die Treibhausgase freisetzen, haben eine die globale Klimakrise verstärkende, also vereinfacht ausgedrückt „klimaschädigende“ Wirkung, sind also negativ. Im Gegensatz dazu haben Handlungen und Prozesse, die nicht mit Treibhausgasemissionen verknüpft sind, keine das Klima beeinflussende Wirkung. Das gilt auch dann, wenn (temporäre) Emissionen über ein Jahr bilanziert, vollständig kompensiert werden; Netto-Null-Energiegebäude gelten als CO2-neutral im Betrieb, das kann man auch als klimaneutral oder treibhausgasneutral bewerten.
In Abwandlung davon ist der englische Begriff „Climate-positive“ („klimapositiv“) für Handlungen und Prozesse etabliert, welche der globalen Erwärmung entgegenwirken, also gut für das Klima sind, oder gar schädliche Einflüsse anderer mildern. Das kann ein Gebäude sein, das mehr Strom erzeugt, als darin verbraucht wird (Netto-Plus-Energiegebäude) – oder außerhalb der Gebäudewelt, eine Maßnahme zur Begrünung oder Aufforstung.

Lösungsansätze – Wir werden klimaneutral oder klimapositiv

Bauen wir gedanklich ein Haus mit Garten für den idealen Bauherrn, denn der möchte, dass sein Vorhaben mindestens klimaneutral wird. Dafür erscheint ein solches Bestreben überschaubar, denn die Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Baumaterialien und die Ausstattung des Hauses sind ideal. Nach ermitteltem Energieverbrauch für Licht und Wärme finden wir die idealen lokal zugänglichen regenerativen Energiequellen. Natürlich bilanzieren wir die Installation und Anlage für die Energieerzeugung mit. Ganz konsequent ist, die Einspeisung zeitweilig überschüssigen Stroms ins Netz der Überlegung oder Möglichkeit der lokalen Speicherung gegenüberzustellen. Das Ergebnis könnte ein klimaneutrales, gar klimapositives Einfamilienhaus werden. Ein Netto-Nullenergie-Gebäude, da seine Energiebilanz ausgeglichen ist, es verbraucht nicht mehr, als es erzeugt. Ermöglicht es gar, über einen Bilanzzeitraum von typisch einem Jahr mehr Energie zu erzeugen, als benötigt wird, nennen wie es ein Netto-Plusenergiegebäude.
Ähnlich kann dies auch auf die Sanierung eines Gebäudes im Bestand angewandt werden, was schon schwieriger wird, weil z.B. Lage und Gebäudeausrichtung vorgegeben ist, die Substanz des Gebäudes analysiert und evtl. verbessert werden muss oder manchmal Denkmalschutz die Möglichkeiten einschränkt.

Machen wir jetzt einen großen Schritt weiter und betrachten als Beispiel ein Mehrfamilienhaus oder Wohnblöcke, so zeigt sich, dass es mit Fläche auf dem Dach hier zunehmend knapp wird, wenn dort Photovoltaik allein Energie liefern soll. Es fehlt dann an regenerativer Energie – die muss von außen kommen. Im Boden stehen z.B. Wärme und Kälte kostenlos zur Verfügung, man muss sie erschließen und über Wärmepumpe nutzbar machen, z.B. durch Antrieb mit Solarstrom. Der regenerative Strom kann aber nicht in unseren Breiten zu jedem Zeitpunkt auf dem Grundstück erzeugt werden und wird daher aus dem öffentlichen Stromnetz importiert.
Noch mehr Vorteile zeigen sich bei einer geplanten Stadt(teil)entwicklung: Hier lassen sich Synergien nutzen, lokale Lösungen schaffen, Energieversorgungssysteme und deren Potential analysieren, bei Infrastrukturmaßnahmen -auch vorsorglich- Nahwärmenetze verlegen, dazu, wo möglich, Dachflächen optimal positionieren und solche in der Nachbarschaft, z.B. die von Parkhäusern, mit Photovoltaik belegen um die Umgebung mit Elektrizität zu versorgen.
Wärmerückgewinnung und bedarfsgerechte Lüftung, dazu passive Kühlung, eine effiziente Strategiekombination, die sich besonders für Gebäude eignet, in denen manchmal viele Menschen sind – und manchmal keine: Schulen, Festsäle, Großraumbüros. Auch lässt sich überschüssige (Ab-) Wärme für den Winter speichern. Im großen Stil betrieben, lohnt sich das besonders. (Energiespeicher Heidelberg)
Sämtliche hier nur kurz angesprochenen Strategien sind Ansätze, die es erlauben, die Weltatmosphäre künftig weniger zu misshandeln.
Möglichkeiten sind also vorhanden. Grundvoraussetzung für ihren Erfolg ist, es muss sie jemand haben wollen, und das ist der Bauherr oder Investor. Nicht Rendite sollte an erster Stelle stehen, sondern Zukunftsfähigkeit.
Für eine Kommune beispielsweise bedeutet das, sie braucht die Möglichkeit, nicht dem billigsten Konzept den Zuschlag zu erteilen, sondern sie muss für eine nachhaltige Lösung stimmen können.

„Der CO2-Ausstoß, der durch die Gebäudenutzung verursacht wird, muss geringer sein als die Emissionen, die durch die Eigenproduktion und den Export von treibhausgasfreier Energie am Gebäude vermieden werden.“

Mit „klimapositiv“ hat die DGNB einen klaren Begriff als neues Prädikat für Gebäude ins Leben gerufen und im Herbst 2019 erstmalig verliehen. Die Gesellschaft zeichnet damit Gebäude aus, die, salopp ausgedrückt, im Betrieb nachweislich mehr „Energie erzeugen als verbrauchen“ und verwendet die äquivalenten CO2-Emiussionen als Bewertungsmaßstab wie folgt:
„Der CO2-Ausstoß, der durch das Gebäude und dessen Nutzung verursacht wird, muss geringer sein als die Emissionen, die durch die Eigenproduktion und den Export von treibhausgasfreier Energie am Gebäude vermieden werden.“
Als Basis dafür müssen reell ermittelte gemessene Energieverbrauchszahlen vorliegen und das Prädikat gilt rückwirkend nur für ein Jahr, weil die Qualität der Energieimporte über die Grundstücksgrenze vertraglich vereinbart wurde und sich ändern kann. Allerdings können nur Gebäude zur Bewertung eingereicht werden, bei denen die Werte ausgewiesen werden können. Bauherren, Betreiber, Nutzer müssen also mitmachen, Verbrauchswerte unterliegen dem Datenschutz. Ein Mehrfamilienhaus zum Beispiel kann man daher kaum einreichen. Aufgrund der reellen Daten ist die Auszeichnung jedoch transparent und wirklichkeitsbezogen. Und mit der Jahresfrist bleibt eine Selbstkontrolle attraktiv, eventuelle Veränderungen finden Beachtung.
Im Jahr 2019 haben sechs unserer Projekte dieses DGNB Prädikat erhalten. Wir werden nach Möglichkeit den Betrieb der bislang ausgezeichneten Gebäude weiterverfolgen, freuen uns darauf, mittels weiterer Jahresergebnisse die Liste durch zusätzliche Gebäude zu verlängern und schauen insofern „klimapositiv“ in die Zukunft.